Wie zu Hause bleiben, wenn es keines gibt?

Deutschland befindet sich wieder im Shutdown. Das bedeutet für uns alle erneut ungewohnte Veränderungen und das ausgerechnet in der Weihnachtszeit. Keine Adventsmärkte mit gemütlichem Glühweintrinken, keine Möglichkeit mehr zum Geschenkeshopping in der Stadt, die Feiertage und der Heilige Abend müssen im engsten Familienkreis gefeiert werden. Verreisen können wir auch nicht und die Aussicht auf ein Sylvester ohne Feuerwerk trübt die Stimmung. Und dann auch noch nächtliche Ausgangssperren und der dringende Appell der Politiker: „Bleiben Sie zu Hause!“.

Die einen empfinden dies als Einschränkung ihrer persönlichen Freiheit, für andere bedeutet es Einsamkeit und für manche Menschen ist es ein Ding der Unmöglichkeit, weil sie kein Zuhause haben, weil sie obdachlos sind.

Dieser Tage ist ein erstaunliches Buch zum Thema erschienen. Der Autor Markus Ostermair hat mit seinem Debütroman „Der Sandler“ (Wiener Dialekt für einen Obdachlosen) ein Buch über ein unheimliches und bedrohliches Phänomen geschrieben: Das unverschuldete Abrutschen aus unserem allgegenwärtigen Wohlstand in die Armutsverwahrlosung.

Dem gut situierten Familienvater und Mathematiklehrer Karl läuft eines Tages ein kleines Kind vors Auto. Er wird zwar freigesprochen, kann sich selbst die „Schuld“ aber nicht vergeben. Es folgt die Depression, Alkohol, Scheidung, Jobverlust und ein Leben auf der Straße in der reichen Großstadt München.

Markus Ostermair weiß worüber er schreibt. Er leistete seinen Zivildienst in der Münchner Bahnhofsmission ab und arbeitete danach viele Jahre ehrenamtlich in der Obdachlosenhilfe. Das Erstaunliche an seinem Buch ist aber nicht, dass wir als Leser von ihm mitgenommen werden in muffige Kleiderkammern, Suppenküchen und Notunterkünfte. Es ist auch nicht die Beschreibung von Scham über den eigenen stechenden Geruch, die alkoholvernebelten Tage und das Stochern in Mülleimern. Das Wertvolle an diesem Text ist die überraschende Wendung, die das Buch nimmt. Karl erbt, nach vielen Jahren auf der Straße, von einem Freund eine kleine Wohnung. Die Beschreibung, wie er zum ersten Mal die Tür aufsperrt und vom Glück überflutet wird, macht mich demütig. Demütig, weil es nicht für alle Menschen selbstverständlich ist, schützende Wände, ein trockenes Bett, eine Toilette und ein Bad mit fließend Warmwasser zu haben. Demütig aber auch, weil das „Rausgeworfen werden“ aus meinem bisherigen Leben so schnell gehen könnte.

Und es macht mich vor allem dankbar. Dankbar für das große Glück, das mir geschenkt wurde: ein Zuhause.

Text: Gabriele Rubner


Buch: Markus Ostermair, Der Sandler. Roman. Osburg Verlag, Hamburg. 371 Seiten, 20,- €.



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